Sonntag, 31.12.2006
Skandal? Bestechung? Korruption?
Wolfgang Lünenbürger
- Die meisten der Blogs, die in den ersten Tagen darüber geschrieben haben, waren neutral oder positiv (29 von 32).
- Einige haben diskutiert, ob es ethisch ist, für einen Produkttest ein Laptop rauszuschicken, das rund 2.000 $ kostet. Diese Diskussion hat sich vor allem darum gedreht, ob und wie die Blogger offenlegen (sollen), dass sie es von Microsoft bekommen haben.
Das Experiment, offen und ohne Vorgaben die Einschätzung von Bloggern zu einem so großen und für den Kunden wichtigen Produkt anzufragen, finde ich richtig und mutig - und die Reaktionen der meisten Blogs ermutigend.
Dennoch gab es, wenig überraschend, auch die Diskussion, ob die Aktion eine "Bestechung" der Blogger sei - immerhin geht es um einen recht großen Geldwert, der hier verschickt wurde. Allerdings kann ich den Vorwurf nicht verstehen:
In der Ankündigungsmail und in jeder Kommunikation rund um die Laptops und Vista hat das Team immer offen gelegt, was sie tun und warum sie es tun. Wie das ablief, hat beispielsweise CrunchNotes am vergangenen Mittwoch dokumentiert. Dass genau diese Offenheit auch von Bloggern vorausgesetzt wurde, ist ja Teil des Plans - denn Bestechung oder ein ein Skandal wäre es in der Tat, wenn der Versuch unternommen würde, die Herkunft des Testgeräts oder auch nur den Grund unter der Decke zu halten, warum ein Blogger so zügig in der Lage ist, über Vista nicht bloß epigonal zu schreiben.
Insofern fällt der immer wieder zitierte Vorwurf,
they don?t know bloggers as well as they thought they did. Now that some of the bloggers have disclosed the receipt of the gift, the public knows, auf die zurück, die ihn erheben.
Dazu drei Einschätzungen von mir:
- Einerseits ist Bemusterung von Bloggern nun wirklich keine soooo neue Anlegenheit mehr. Im Bereich Musik, Gaming und Film ist das schon länger in großem Stil üblich. Es wird auch noch mehr Branchen geben, in denen das ein sinnvoller Weg sein wird. Software und auch Hardware ist eine davon, denn Blogger mit einem Schwerpunkt auf Technologie sind wichtige Multiplikatoren und in vielen Fällen bereits wichtiger als klassische Fachblätter - je nachdem, wen ich erreichen will.
- Andererseits zeugt es entweder von einem gerüttet Maß an Arroganz oder von einer mir nicht sympathischen Haltung zu Menschen, wenn ein Blogger mal eben pauschal jeden anderen Blogger korrumpiert sieht, der ein Laptop erhält. Heißt das, alle anderen bis auf ihn seien so dumm, dass sie auf den bösen Verführer reinfallen? Da habe zumindest ich aus den Gesprächen, dem Lesen und dem Kommentieren einen ganz anderen Eindruck gewonnen.
- Und dazu passt die Beobachtung, dass selbst in einer so kleinen Bloggerszene wie der unseren hier (sehr optimistisch geschätzt gehe ich von maximal 150.000 deutschsprachigen Blogs aus) es zu vielen, vielen Themen spannende und großartige Blogs gibt, die für ihre Leserinnen und Leser einen großen Einfluss haben. Nur werden das in vielen Fällen nicht die Blogs sein, die Hans und Franz aus der Presse kennen. Aber dieses geschlossene System ist ja auch noch mal ein anderes Thema.
Meine Prognose ist, dass der Skandal-Popanz recht schnell einer substanziellen Diskussion weichen wird. Auch hier, wie nun schon ein paar Tage in den USA.
Kommentare
kann es sein, dass es einen Unterschied zwischen "Bemustern" mit einem Testexemplar (warum es ein 2000 $-Notebook für ein neues Betriebssystem sein muss, ist noch eine andere Frage) und dem "Verschenken" des Geräts gibt? "There was not anything that indicated that they wanted to have it returned after a certain time period", berichtet Scott Beale in seinem Blog Laughing Squid über das Schreiben von Edelman. Und dass - laut Digital Inspiration - ein größerer Teil der 90 beschenkten Blogger das Gerät behalten will, spricht auch nicht gerade für "Besprechungsexemplare". Warum räumt ihr nicht einfach ein, dass bei dieser Aktion etwas schiefgelaufen ist und verteidigt sie auch noch im Nachhinein? Es ist doch so einfach: Volle Transparenz. Man bietet den Bloggern Testgeräte an, die wieder zurückgeschickt oder für einen guten Zweck gespendet werden müssen. Zusammen mit der Erklärung, warum für Windows Vista besser ein neues Notebook benutzt werden sollte. Und verbunden mit der Bedingung, dass bei der Veröffentlichung der Besprechung die Randbedingungen (Testgerät, sponsored by Microsoft) mit genannt werden. Dann gibt es auch keine Probleme mit der Blogger-Ethik.
Weil, Wolfgang, "Bemustern" klassisch damit verbunden ist, dass ich das Muster behalte. Ja, es ist zum Behalten geplant gewesen. Auch da, ganz ehrlich, sehe ich weiterhin kein Problem.
Und warum ich die Aktion verteidige: Weil ich sie richtig finde. Und auch vorher, also während der Planungsphase, richtig fand. Wahrscheinlich würde ich in Deutschland klarer formulieren, welches "disclosure" ich vorschlage - aber auch da halte ich es für vermessen, die Blogger zu bevormunden.
Dass wir in Deutschland bei so etwas die Robinsonliste beachten und dass wir weltweit ein Tool an den Start bringen, eine Art Robinsonliste zu erzeugen, ist ein weiterer Punkt.
Ich sehe jedenfalls keine Probleme von unserer Seite mit einer "Blogger-Ethik". Wenn einzelne Blogger ethische Probleme mit dem Verhalten anderer Blogger haben, mag das so sein - aber vergiss auch bitte nicht, dass fast ausschließlich der Journalist (!) Dan Warne hin und her zitiert wird, wenn ein Kronzeuge gebraucht wird. Und dessen Aussage (habe ich oben zitiert) finde ich falsch.
Was die Transparenz angeht, sehe ich hier ebenfalls kein Versäumnis von Edelmann, das ist aber für mich auch nicht der Kern.
Bedeutet die Tatsache, dass Du ausdrücklich den Beruf Journalist von Herrn Dan Warne betonst, dass Du grundsätzlich einen Unterschied zwischen Bloggern und Journalisten machst?
Zumindest unter Journalisten gibt es ja immer wieder Diskussionen darüber, ob solche Geschenke richig sind oder nicht. Und Don Alphonso hat da ja recht, wenn er schreibt, dass eine seriöse Redaktion solche Dinge anders sieht als Du. Die Frage ist vielleicht grundsätzlicher Natur: Sollen Blogger und Journalisten von der PR gleich behandelt werden oder nicht? Wenn ja, sollte man die Kritik in diesem speziellen Fall auch ernst nehmen.
Ups...Edelman falsch geschrieben, sorry deswegen...
Nein, Lars, sondern dass hier nicht etwa ein Blogger besonders heftig reagiert hat, sondern ein Journalist - der dazu noch genau das als unser Problem hinstellt, was wir wollten, nämlich dass die Blogger offen legen, dass sie das Laptop von MS bekommen haben.
Und nein, ich mache keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Bloggern und Journalisten (jedenfalls nicht bei diesem Thema). Und die "seriöse Reaktion" will ich sehen ;-)
So, jetzt melde ich mich ab für dieses Jahr. Bis nächstes Jahr in alter Frische.....
Ich bin fest davon überzeugt, dass es diese seriöse Redaktion gibt...ganz bestimmt...und sobald ich sie gefunden habe, melde ich mich wieder. :-)
Frohes Neues Jahr.
Nur für den Fall, dass die amerikanischen Kollegen noch nen Laptop übrig haben und auch europäische Meinungen einholen möchten: Wir findens völlig o.k. ;-)